„Nachdem ich einmal angefangen hatte, gab es kein Halten mehr".

Fri­sche Wäsche für Frank­furts Frau­en (Arti­kel von Spie­gel Online)

5. Novem­ber 2010, Spie­gel Online


Das kleins­te spalt­ba­re Teil­chen(als PDF Down­load)

19. Sep­tem­ber 2010, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung


Lite­ra­tur & Lesen — Vitri­ne Klein­od Wei­ter leben

Don­ners­tag, 4. März, 02:03 Uhr

Frankfurt/Main (apn) Din­ge soll­ten Men­schen nicht über­le­ben, Alfred wäre es lie­ber, wenn die Besitz­tü­mer sei­nes Onkels mit ihm gestor­ben wären. Aber 1972, nach dem Tod von David Ber­mann, liegt es an dem jun­gen Alfred, die ver­wais­ten Bil­der, Schall­plat­ten und Brie­fe zu sich­ten — und die Erin­ne­run­gen an einen beson­de­ren Men­schen und ein unge­wöhn­li­ches Leben.

Michel Berg­mann, 1945 als Kind jüdi­scher Eltern gebo­ren, berich­tet von jüdi­schen Rück­keh­rern im Nach­kriegs-Frank­furt, ein Klein­od ist sein trau­ri­ger und zugleich komi­scher Roman, ein unge­mein lesens­wer­tes Stück Gegen­warts­li­te­ra­tur über die Über­le­ben­den des Holo­caust.

Es ist eine berüh­ren­de Fami­li­en­ge­schich­te, ein anschau­li­ches Geschichts­buch und irgend­wie auch ein Schel­men­ro­man. Dabei knüpft der Jour­na­list und Film­au­tor an jüdi­sche Erzähl­tra­di­tio­nen an: Vol­ler Fabu­lier­freu­de, mit einem fei­nen, doch bis­si­gen Humor, durch­setzt mit spitz­bü­bi­scher Schläue führt er durch sei­ne außer­ge­wöhn­li­che Geschich­te. Es ist die Geschich­te von David Ber­mann und die sei­ner Freun­de, alle­samt Über­le­ben­de, Juden, die der Ver­nich­tung ent­gan­gen sind, oft als ein­zi­ge ihrer gan­zen Fami­lie.

Im zer­stör­ten Nach­kriegs-Frank­furt ist David der Erfolg­reichs­te einer Trup­pe jüdi­scher Ein­zel­han­dels­ver­tre­ter, den soge­nann­ten Teila­chern. Mit sei­nen Brü­dern kam David aus Gali­zi­en ins Vor­kriegs-Frank­furt, wo sie gemein­sam ein Wäsche­ge­schäft auf­bau­ten. David konn­te sich nach den ers­ten Aus­schrei­tun­gen gegen Juden recht­zei­tig ins Aus­land ret­ten, spä­ter ging er zur Frem­den­le­gi­on kei­ner aus sei­ner Fami­lie über­leb­te den Holo­caust. 1945 kommt David nach Frank­furt zurück, nicht um an das alte Leben anzu­knüp­fen, son­dern aus Man­gel an einer Hei­mat und in der Hoff­nung auf einen Neu­an­fang.

Von Rödel­heim bis in den Tau­nus ist David unter­wegs, um Aus­steu­er­pa­ke­te zu ver­kau­fen, gemein­sam mit Kol­le­gen, alle­samt nach Kriegs­wir­ren und Lager­auf­ent­hal­ten gestran­de­te Juden. Die leid­vol­le Ver­gan­gen­heit wol­len sie hin­ter sich las­sen, nur ab und an erzäh­len sie sich grau­en­haf­te Bruch­stü­cke aus ihrem Leben. Lie­ber wid­men sie sich dem Hier und Jetzt, nut­zen ihre Son­der­stel­lung als Opfer im Land der Täter, um vor­an­zu­kom­men, und betup­pen Krie­ger­wit­wen eben­so kalt­schnäu­zig wie Alt-Nazis, schließ­lich geht es ums Über­le­ben.

Und das haben die Teila­cher auf die erdenk­lich furcht­bars­te Art gelernt: Zum Über­le­bens­wil­len muss sich ordent­lich Chuz­pe dazu­ge­sel­len, man muss kämp­fen und trot­zig nach vor­ne schau­en. Und wenn die Teila­cher zu unor­tho­do­xen Mit­teln grei­fen, um sich zu behaup­ten, ist ihr ent­schei­den­des Argu­ment: Wir haben die Nazi­zeit nicht über­lebt, um jetzt auf­zu­ge­ben. (Anke Breit­mai­er)

(Arche Lite­ra­tur-Ver­lag, Febru­ar 2010, ISBN 978–3-7160–2628-1, 288 Sei­ten, 19,90 Euro)


25.02.2010

Mit Tischwäsche und Weißwaren von Tür zu Tür

Der Jour­na­list, Film­au­tor und Regis­seur Michel Berg­mann hat sein Roman­de­büt vor­ge­legt. «Die Teila­cher» erzählt von jüdi­schen Ver­tre­tern in der Vor- und Nach­kriegs­zeit.

Es ist 1972. Der Teila­cher David Ber­man ist tot. Nach sei­ner Beer­di­gung im strö­men­den Regen tref­fen sich sei­ne Kol­le­gen Fajn­brot, Ver­stän­dig und Szoros in ihrem Frank­fur­ter Stamm­ca­fé, um dem jun­gen David von den alten Zei­ten zu erzäh­len; wie das war damals vor dem Krieg in Frank­furt, dann im Exil, auf der Flucht, in den Lagern und dann wie­der in Frank­furt, wie­der als Teila­cher. Teila­cher, das ist ein jid­disch-ber­li­ne­ri­scher Begriff, setzt sich zusam­men aus «Teil» und dem hebräi­schen «lachood», Ein­zel­han­del. Der Teila­cher ist das kleins­te Rad im Kauf­manns­ge­trie­be, der Rei­sen­de, der Fuß-in-die-Tür-Stel­ler. David Ber­man war Teila­cher, und er war der Bes­te von allen.

Im Vor­kriegs-Frank­furt sie­delt sich Ber­mans Fami­lie an, geflo­hen vor den Pogro­men in Gali­zi­en. Die Brü­der eröff­nen ein Wäsche­ge­schäft; David ver­kauft sei­ne Aussteuer-«peckl» mit Tisch­wä­sche und Weiß­wa­ren an den Türen, gibt den Bohé­mi­en und umflir­tet die Frau­en. Dann ers­te Aus­schrei­tun­gen, beschmier­te Geschäf­te, zer­split­ter­te Schei­ben, Bör­sen­crash – David Ber­man geht nach Paris, «über­win­tert» nach dem Ein­marsch der Nazis mit der Frem­den­le­gi­on und dem «jüdi­schen Batail­lon» in Nord­afri­ka.

Zurück in Frank­furt, ist alles anders. Gestran­de­te bevöl­kern die Stadt, Ent­wur­zel­te leben im DP-Lager in Zeils­heim oder im «Ver­schlepp­ten­la­ger» in Rödel­heim, in aus­ran­gier­ten Güter­wa­gen, Kel­lern, Trüm­mern. Unrecht folgt auf Unrecht. She’arit Hap­ley­ta, «der Rest, der ent­kom­men ist», sucht «ein Leben auf’s Neu». Die Teila­cher neh­men ihre Geschäf­te wie­der auf, fah­ren mit dem Horch oder der Tem­po-Drei­rad­prit­sche bis in den Tau­nus und ver­kau­fen ihre «peckl» an die Eltern ver­miss­ter Rit­ter­kreuz­trä­ger und an frü­he­re Par­tei­bon­zen. David Ber­man kennt da kein Erbar­men.

Michel Berg­mann, 1945 als Kind jüdi­scher Eltern in der Schweiz gebo­ren, wuchs in Paris und Frank­furt auf, den Haupt­schau­plät­zen der «Teila­cher». Sein Roman­de­büt ist ein packen­des Buch, das trotz des heik­len The­mas kei­ne Scheu­klap­pen kennt. Im fros­ti­gen Nach­kriegs-Frank­furt kämpft jeder für sich selbst, es gibt kei­ne Zukunft. Im IG-Far­ben-Gebäu­de wird um Pöst­chen und Lizen­zen gescha­chert. Weder Deut­sche noch Juden noch Ame­ri­ka­ner sind gut oder böse, sie sind vom Gesche­he­nen gezeich­net, nur Men­schen. «Die Teila­cher» ist Zei­ten­ge­mäl­de, Fami­li­en­sa­ga, Geschichts­buch und Mahn­schrift zugleich, span­nend, berüh­rend, humor­voll, vol­ler Chuz­pe und mit einem ganz bezau­bern­den Ende.

Michel Berg­mann: «Die Teila­cher». Arche-Lite­ra­tur-Ver­lag, Zürich / Ham­burg, 288 S., 19,90 Euro


 Gemisch­tes Dop­pel, NDR-Kul­tur, 11–12.00 Uhr, 02.03.10

Anne­ma­rie Stol­ten­berg:
Unter Buch­händ­lern ist es so, dass man sich eine gan­ze Wei­le gegen­sei­tig fragt: Hast du schon ein Buch? Und damit ist gemeint, hast du schon ein Buch, das man jedem emp­feh­len kann? So das ganz beson­de­re Buch. Danach sucht man immer ne gan­ze Wei­le. Eines, das sie auf dem Fahr­rad, wenn sie ange­spro­chen wer­den, jeman­dem zuru­fen kön­nen, womit man eigent­lich nichts falsch machen kann und jedem eine Freu­de machen kann. So ein Buch braucht man immer. Eins für alle Fäl­le. Und ich habe es glück­li­cher­wei­se gefun­den.
Rali­za Nikol­ov:
Erzäh­len Sie uns davon.
AS: Es ist für mich in die­sem Früh­jahr DAS Buch. Michel Berg­mann, die Teila­cher, im Arche Ver­lag erschie­nen. So ein Buch habe ich noch nie gele­sen. Das muss man wirk­lich sagen, es ist ein ganz schwie­ri­ges The­ma, an das sich so noch nie­mand gewagt hat. Michel Berg­mann hat das getan. Es han­delt eigent­lich vom Zusam­men­le­ben von Deut­schen und Juden in Deutsch­land nach dem 2. Welt­krieg. Er sel­ber ist 1945 in einem Inter­nie­rungs­la­ger in der Schweiz gebo­ren und dar­um kann er das auch – er kann die­sen Ton sehr leicht haben, wo ich eigent­lich immer dach­te, der sei aus Deutsch­land 1933 end­gül­tig ver­trie­ben wor­den. Es ist die­se jüdi­sche Erzähl­tra­di­ti­on, der jüdi­sche Humor, der jüdi­sche Witz und mit dem beschreibt er, wie die Leu­te dann ver­sucht haben, nach die­sen grau­en­er­re­gen­den, nicht zu fas­sen­den Ereig­nis­sen wäh­rend der Nazi­zeit mit­ein­an­der aus­zu­kom­men. Und über­haupt nicht schwarz-weiß. Es gibt sol­che Deut­schen und sol­che und es gibt sol­che Juden und sol­che. Inter­es­sant ist übri­gens, dass vie­le aus der Gene­ra­ti­on der so um Ende der Zwan­zi­ger Jah­re gebo­re­nen – Gert Fuchs zum Bei­spiel hat es mir erzählt und Hark Bohm sagt es immer wie­der – die kön­nen bis heu­te das Wort „Jude“ nicht sagen, weil das so wider­sprüch­li­che und auch furcht­ba­re Asso­zia­tio­nen aus­löst, dass die es nicht ein­fach so sagen kön­nen und ich glau­be, wenn man das Buch von Michel Berg­mann liest, kann man das wie­der. Es ist auch so ver­gnüg­lich dabei, aber es ist auch trau­rig, aber man lacht sich wirk­lich krin­ge­lig, weil es immer wie­der durch die­sen typisch jüdi­schen Über­le­bens­hu­mor auf­ge­löst wird.
RN:
Michel Berg­mann, der Roman die Teila­cher, ist im Arche-Ver­lag erschie­nen, 288 Sei­ten kos­ten 19 Euro 90

Short­list Cam­pus Uni HH 02.04.2010

1.
Die Teila­cher : Roman
/ Michel Berg­mann. — Orig.-Ausg., 2. Aufl. — [Zürich] [u.a.] : Arche, 2010

2.
Die Zau­be­rer : Fan­ta­sy
/ Micha­el Pein­ko­fer. — Gekürz­te Lesung. — Ham­burg : Oster­wold Audio bei Hör­buch Ham­burg, 2010-

3.
Dein klei­ner Kum­mer­kil­ler
/ Kat­ja Rei­der. — 1. Aufl. — Ham­burg : Hoff­mann und Cam­pe, 2010

4.
Was­ser­wel­ten : von Meer und Küs­te, Fluß und Hafen, Wracks und Tau­chern und dem Glück, einen Fisch zu fan­gen ; nebst einem Epi­log: Klei­nes Strand­gut
/ Sieg­fried Lenz. — 1. Aufl. — Ham­burg : Hoff­mann und Cam­pe, 2010

5.
Die Haupt­stadt der deut­schen Lite­ra­tur : Sana­ry-sur-mer als Ort des Exils deutsch­spra­chi­ger Schrift­stel­ler
/ Maga­li L. Nier­ad­ka. — 1. Auf­la­ge. — Göt­tin­gen, Nie­der­sachs : V&R uni­press, 2010

6.
Gün­ter Grass als Bot­schaf­ter der Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät : kei­ne Kul­tur kann auf Dau­er von eige­ner Sub­stanz leben
/ Moni­ka Kuc­ner. — Fern­wald : Ver­lag Lit­blo­ckín, 2010

7.
Nor­we­gi­an woods : [psy­cho­lo­gi­scher Roman]
/ Johan­nes A. Reb. — Ham­burg : Artis­li­fe Press, 2010

8.
Die Auf­leh­nung : Roman
/ Sieg­fried Lenz. — Ham­burg : Hoff­mann und Cam­pe, [2010]

9.
Rand­zeich­nun­gen : Neben­we­ge des Schrei­bens ; [… erscheint zur Aus­stel­lung: “Rand­zei­chen. Drei Annä­he­run­gen an den schöp­fe­ri­schen Pro­zess”, Lite­ra­tur­mu­se­um der Moder­ne, Mar­bach am Neckar, 28. Janu­ar bis 18. April 2010]
/ Hein­rich Stein­fest. — Mar­bach am Neckar : Dt. Schil­ler­ges., 2010

10.
Boris Pas­ternak — Kurt Wolff : im Meer der Hin­ga­be ; Brief­wech­sel 1958 — 1960
/ Boris L. Pas­ternak. — Frank­furt am Main [u.a.] : Lang, 2010


Was ist ein Teila­cher? Ein Teila­cher ist „das kleins­te spalt­ba­re Teil­chen, das Atom der Kauf­manns­welt“, mit  ande­ren Wor­ten: ein Hand­lungs­rei­sen­der. „Aber was den Teila­cher vom her­kömm­li­chen Hand­lungs­rei­sen­den unter­schei­det: Der Teila­cher ist Jude. Oder er gibt sich als sol­cher aus.“ David Ber­man ist Jude und muss sich nicht als sol­cher aus­ge­ben, vor allem aber ist er der unbe­strit­te­ne „Ein­stein unter den Teila­chern“, ein Lebe­mann und Lebens­künst­ler, vor allem aber ein genia­ler Ver­käu­fer, der sei­ner Arbeit noch aus dem Alters­heim her­aus nach­geht, Par­kin­son hin und Lun­gen­krebs her.

Nach Davids Tod steht der jun­ge Alfred vor der unan­ge­neh­men Auf­ga­be, das Zim­mer sei­nes Nen­n­on­kels aus­zu­räu­men. All die Fotos, Schall­plat­ten, Bücher, Bil­der wecken Erin­ne­run­gen, aus denen nach und nach David Ber­mans Leben ersteht: Gebo­ren in Gali­zi­en, mit den Eltern nach Frank­furt gezo­gen, Mit­ar­beit im elter­li­chen Wäsche­ge­schäft, das sei­ne Brü­der und er zu einem erfolg­rei­chen Unter­neh­men machen, Aus­stieg aus dem gere­gel­ten Leben des Geschäfts­manns zuguns­ten der freie­ren Exis­tenz des Teila­chers, Affä­ren Lie­bes­ge­schich­ten, Flucht nach Frank­reich, Frem­den­le­gi­on und schließ­lich Rück­kehr ins zer­stör­te Deutsch­land. Aber war­um ist er nach dem Krieg und dem Holo­caust aus­ge­rech­net nach Deutsch­land zurück­ge­kehrt? Die­se Fra­ge kön­nen Alfred die Freun­de sei­nes Onkels beant­wor­ten, Ver­stän­dig, Fajn­brot und Szoros, und die Geschich­ten, die sie ihm in ihrem Stamm­ca­fé erzäh­len, stel­len Alfreds Leben gründ­lich auf den Kopf.

Michel Berg­mann hat ein fas­zi­nie­ren­des, anrüh­ren­des Buch über die Rück­kehr der Juden nach Deutsch­land geschrie­ben, das mal zum Lachen, mal zum Wei­nen reizt. Er erzählt vom Leben in den DP-Lagern, vom völ­lig zer­stör­ten Frank­furt, vom Schwarz­markt, von der ame­ri­ka­ni­schen Besat­zung, von den Pro­ble­men und Chan­cen in den anar­chi­schen Zustän­den der Nach­kriegs­jah­re, von der hohen Kunst des Ver­kau­fens, vom Über­le­bens­wil­len, der Wut, der Rache, dem Witz und der Lebens­kunst der Über­le­ben­den genau­so wie von den Res­sen­ti­ments und der Ver­drän­gungs­leis­tung der deut­schen Bevöl­ke­rung. Ein wun­der­ba­res Buch, das man so schnell nicht ver­ges­sen wird.

Irm­gard Höl­scher, Frank­furt am Main


Roman­tipp:
Teila­cher sind jüdi­sche Han­dels­ver­tre­ter, in die­sem Fall machen sie in Wäsche, genau­er: in Aus­steu­er­pa­ke­ten. Der Jour­na­list und Dreh­buch­au­tor Michel Berg­mann prä­sen­tiert in sei­nem Roman­de­büt die Geschich­te eini­ger Juden, die den Ver­nich­tungs­feld­zug der Nazis über­lebt haben und ins hes­si­sche Frank­furt zurück­ge­kehrt sind, um sich dort ein neu­es Leben auf­zu­bau­en.
Im Jahr 1972 packt Alfred Klee­feld den kar­gen Besitz sei­nes ver­stor­be­nen „Onkels” David Ber­mann zusam­men und hängt dabei sei­nen Erin­ne­run­gen an David, den Gelieb­ten sei­ner Mut­ter, nach. Spä­ter, nach der Beer­di­gung, sitzt er mit eini­gen alten Freun­den Davids, den ehe­ma­li­gen Teila­chern Fajn­brot, Ver­stän­dig und Szoros, im Café zusam­men und lauscht ihren Erzäh­lun­gen von der dama­li­gen Zeit, als sie mit dem Ausch­witz-Über­le­ben­den Max Holz­mann gemein­sam einen Wäsche­han­del auf­zo­gen. So erfährt Alfred von Nöten, Sor­gen und auch der Kraft sei­ner Vor­fah­ren in einer poli­tisch, wirt­schaft­lich und mensch­lich äußerst schwie­ri­gen Situa­ti­on. Er sieht, wie sie ihren Blick nach vorn und auf das Leben rich­te­ten, hört von eini­gen wun­der­vol­len Lie­bes­ge­schich­ten, von Schle­mihls und Lebens­künst­lern. Und zum Schluss ent­hüllt sich ihm ein jahr­zehn­te­lang gehü­te­tes Geheim­nis, das sein Leben ver­än­dern wird (das der Leser aller­dings schon geahnt hat). Michel Berg­mann erzählt unge­küns­telt, anrüh­rend, ver­schmitzt und auf sehr mensch­li­che Wei­se und bringt uns so ein Stück Zeit­ge­schich­te näher, das nicht all­ge­mein bekannt sein dürf­te. –bv der köl­ner


Der Begriff Teila­cher stammt aus dem jid­di­schen und setzt sich zusam­men aus dem Wort “Teil” und dem hebräi­schen “Laa­chod”, Ein­zel­han­del. Gemeint ist damit ein Ver­tre­ter, sozu­sa­gen das kleins­te Teil des Ein­zel­han­dels. “Die Teila­cher”, das ist eine Grup­pe jüdi­scher Män­ner aus ganz Euro­pa, die es nach dem Krieg nach Frank­furt ver­schlägt. Blei­ben wol­len sie im Land der Deut­schen nicht, eigent­lich auch kei­nen Kon­takt zu ihnen auf­neh­men. Aber irgend­wie muss man ja leben und so begin­nen sie Wäsche zu ver­kau­fen. Und obwohl sie eigent­lich immer noch weg wol­len, in die USA oder nach Paläs­ti­na, blei­ben sie, nie rich­tig ange­kom­men, immer ein wenig fremd. Fremd auch von den Deut­schen, in ihrer Umge­bung, die — von weni­gen Aus­nah­men abge­se­hen — nicht bereit sind ihr Leid anzu­er­ken­nen.
David Ber­mann ist einer die­ser Teila­cher und der Onkel von Alfred, dem Erzäh­ler die­ses wun­der­vol­len Romans. Als David Ber­mann stirbt macht Alfred sich auf, die Geschich­te des alten Man­nes zu erzäh­len, der so viel Leid erfah­ren hat, der 21 Ange­hö­ri­ge in Ausch­witz ver­lo­ren und dafür ein paar tau­send Mark Ent­schä­di­gung erhal­ten hat. Der aber nie sei­nen Lebens­mut, sei­ne Freu­de am Ver­kau­fen und an den Frau­en ver­lo­ren hat. Und des­sen Ret­tung der jüdi­sche Humor ist. Davon lebt der Roman. Jüdi­sche Wit­ze und jid­di­sches Idi­om sind sozu­sa­gen das Rück­rad der Men­schen von denen er han­delt und auch das Rück­rad der Geschich­te. So ist es Michel Berg­mann gelun­gen eine unge­wöhn­li­che trau­ri­ge, zuwei­len bit­te­re Geschich­te zu schrei­ben, die trotz­dem komisch ist und trotz allem eine gewis­se Hei­ter­keit aus­strahlt. Ein ganz tol­les Buch, dem ich vie­le Leser wün­sche!


Zum Buch „Die Teila­cher“ von Michel Berg­mann:

Ich bin die jüdi­sche Rache an Hit­ler”

Von Alan Pose­ner 24. April 2010, 04:00 Uhr Welt­on­line

Michel Berg­manns Roman lässt eine ver­ges­se­ne Zwi­schen­ge­ne­ra­ti­on nach 1945 leben­dig wer­den. Vor 1933 gab es das stol­ze und den­noch bis zur Selbst­ver­leug­nung assi­mi­lier­te deut­sche Juden­tum; nach 1989 gibt es ein neu­es Juden­tum in Deutsch­land, das rus­sisch geprägt und von kei­ner­lei Neu­ro­sen geplagt ist. Und dazwi­schen? Dazwi­schen gab es zahl­rei­che Juden mit schlech­tem Gewis­sen; Über­le­ben­de der KZs, ange­schwemmt in den DP-Lagern, eigent­lich auf den Sprung nach Ame­ri­ka oder Isra­el. In Deutsch­land wohn­ten sie, waren aber nicht deutsch.

Man kennt die Lite­ra­tur der angeb­li­chen oder tat­säch­li­chen deutsch-jüdi­schen Sym­bio­se; man war­tet auf die Lite­ra­tur der neu­en jüdi­schen Immi­gra­ti­on. Aus der Zwi­schen­zeit gibt es eigent­lich nur Rafa­el Selig­mann und Maxim Bil­ler. Und Bil­ler ist oft zu sehr mit épa­ter les boches beschäf­tigt, und die boches brau­chen ihn ja auch, um sich um die Juden zu küm­mern.

Michel Berg­manns Roman “Die Teila­cher” lässt die Ver­ges­se­nen der Zwi­schen­ge­ne­ra­ti­on wie­der leben­dig wer­den: die Ange­schwemm­ten und die Zurück­ge­kehr­ten, die im zer­stör­ten Frank­furt wie­der Fuß fas­sen wol­len — nein, sie wol­len nicht Fuß fas­sen, das gera­de nicht: sie wol­len Geschäf­te machen, die Deut­schen “kei­len” und dann weg­ge­hen. Und sie blei­ben doch. Der Roman beginnt dar­um fol­ge­rich­tig 1972 mit dem Tod in einem jüdi­schen Alters­heim.

David Ber­mann war ein “Teila­cher” — ein rei­sen­der Ver­käu­fer. Halb Hes­sen ver­sorg­ten er und sei­ne Kom­pa­gnons mit Wäsche­pa­ke­ten. Bes­te Ware zu Vor­zugs­prei­sen, sprich tin­nef, mit dem die Leu­te bega­n­eft wer­den.

Davids Geschich­te wird von Alfred Klee­feld erzählt. Alfred, der sich vom Geschäft und von Deutsch­land eman­zi­piert hat und als Schau­spie­ler in Ita­li­en B-Movies dreht, ist der Sohn der lang­jäh­ri­gen Gelieb­ten David Ber­manns. Er muss das Zim­mer im Alters­heim aus­räu­men: die Fotos, die Brie­fe, die Schall­plat­ten. Er muss die Beer­di­gung vor­be­rei­ten. Er redet mit Davids Freun­den und Kol­le­gen. In einer losen Fol­ge von Anek­do­ten und Bil­dern wird die Welt der Teila­cher beschwo­ren. Michel Berg­mann tut das ganz unprä­ten­ti­ös. Ent­stan­den ist ein hei­te­rer, unsen­ti­men­ta­ler und doch im bes­ten Sin­ne freund­li­cher Roman. Ein Roman, der sei­nen Figu­ren zudem wohl­ge­son­nen ist: den Teila­chern Ber­mann, Fajn­brot, Fröh­lich, Kraut­berg, Szoros und Ver­stän­dig; ihrem Chef Max Holz­mann; ihren Frau­en und Töch­tern, beson­ders der wun­der­ba­ren Baby, Alfreds Mut­ter; dem Per­so­nal der Cafés Unter­leit­ner und Wie­ner, und vie­len ande­ren.

Allein schon wegen der vie­len jüdi­schen Wit­ze lohnt sich die Lek­tü­re. Zum Bei­spiel der, “wo Moi­sche und Jan­kel an einer Kir­che vor­bei­kom­men, wo ein Schild hängt: Wer­den Sie Christ, und sie erhal­ten fünf­zig Dol­lar! Sagt Moi­sche, weißt du was, ich wer­de rein­ge­hen, mich tau­fen las­sen, und dann tei­len wir die fünf­zig Dol­lar. Gesagt, getan. Nach einer hal­ben Stun­de kommt Moi­sche raus, und Jan­kel sagt: Nu, wo sind jetzt mei­ne fünf­und­zwan­zig Dol­lar? Da schaut ihn Moi­sche von oben her­ab an und sagt: Ja, so seid ihr Juden!” Ein Witz, der auch einem heu­ti­gen Tür­ken etwas über die Tücken der Assi­mi­la­ti­on zu sagen hat.

Denn bei aller Freund­lich­keit ist Berg­manns Roman nicht ver­söhn­lich. Hier säu­selt kein lite­ra­ri­sches Klez­mer-Saxo­phon das Lied von der schreck­li­chen Wun­de, die sich die Deut­schen unver­ständ­li­cher­wei­se selbst bei­ge­bracht hät­ten, und von der künf­ti­gen Brü­der­lich­keit. “Die Deut­schen haben uns gewollt?” ant­wor­tet der Ber­li­ner Jude Frän­kel auf Alfreds Fra­ge, war­um sie geblie­ben sei­en. “Deutsch­land war Fein­des­land. Wir waren für sie das jeden Tag sicht­ba­re schlech­te Gewis­sen… Und wir Juden? Wir hat­ten auch kein Inter­es­se dar­an, auf­zu­fal­len. Unse­re Leu­te im Aus­land konn­ten es nicht ver­ste­hen, dass wir nicht aus­ge­wan­dert waren. Meinst du, es hat Spaß gemacht, sich immer recht­fer­ti­gen zu müs­sen. Aber ich per­sön­lich habe mir dann immer gesagt, ich lebe und bin die jüdi­sche Rache an Hit­ler.”
Schön, wer sich das Blei­ben im Fein­des­land so zurecht­re­den kann. Ande­re wis­sen von den ame­ri­ka­ni­schen und bri­ti­schen Ein­wan­de­rungs­quo­ten zu berich­ten, von Leu­ten, die aus dem KZ nach Paläs­ti­na gin­gen und dort ihre Kin­der in Isra­els Unab­hän­gig­keits­krieg ver­lo­ren, aber auch von Bequem­lich­keit und von Lebens­lü­gen, die man sich und sei­nen Kin­dern erzählt hat.

Berg­mann erzählt auch die zar­te, schwie­ri­ge Lie­bes­ge­schich­te von Max Holz­mann, der sei­ne Frau und sein Kind das letz­te Mal in Ausch­witz gese­hen hat und sich nun in eine “goje­te” Deut­sche ver­liebt, die von den Här­ten der Bom­ben­näch­te erzählt, mit einem in Russ­land “Ver­miss­ten” ver­lobt ist. Der­sel­be Max Holz­mann, der sei­ner christ­li­chen Sekre­tä­rin ver­bo­ten hat, einen klei­nen Weih­nachts­baum im Büro auf­zu­stel­len. (“Ick weeß nicht, wat ihr wollt?” sagt der Ber­li­ner Frän­kel dazu. “Wir waren zwar nicht streng jüdisch zuhau­se, aber een Weih­nachts­baum ham wa immer jehabt!”) Der ehe­ma­li­ge Schau­spie­ler Frän­kel war übri­gens der Mann, den man aus dem KZ Sach­sen­hau­sen geholt hat­te, um dem Füh­rer ein paar Wit­ze bei­zu­brin­gen, damit er nach außen nicht gar so grim­mig wirk­te. Jedoch… aber lesen Sie doch selbst! Bei Nicht­ge­fal­len gibt’s Geld zurück, wür­de David Ber­mann sagen, ohne es einen Augen­blick lang ernst zu mei­nen.