„Nachdem ich einmal angefangen hatte, gab es kein Halten mehr".

Frische Wäsche für Frankfurts Frauen (Artikel von Spiegel Online)

5. November 2010, Spiegel Online


Das kleinste spaltbare Teilchen(als PDF Download)

19. September 2010, Frankfurter Allgemeine Zeitung


Literatur & Lesen – Vitrine Kleinod Weiter leben

Donnerstag, 4. März, 02:03 Uhr

Frankfurt/Main (apn) Dinge sollten Menschen nicht überleben, Alfred wäre es lieber, wenn die Besitztümer seines Onkels mit ihm gestorben wären. Aber 1972, nach dem Tod von David Bermann, liegt es an dem jungen Alfred, die verwaisten Bilder, Schallplatten und Briefe zu sichten – und die Erinnerungen an einen besonderen Menschen und ein ungewöhnliches Leben.

Michel Bergmann, 1945 als Kind jüdischer Eltern geboren, berichtet von jüdischen Rückkehrern im Nachkriegs-Frankfurt, ein Kleinod ist sein trauriger und zugleich komischer Roman, ein ungemein lesenswertes Stück Gegenwartsliteratur über die Überlebenden des Holocaust.

Es ist eine berührende Familiengeschichte, ein anschauliches Geschichtsbuch und irgendwie auch ein Schelmenroman. Dabei knüpft der Journalist und Filmautor an jüdische Erzähltraditionen an: Voller Fabulierfreude, mit einem feinen, doch bissigen Humor, durchsetzt mit spitzbübischer Schläue führt er durch seine außergewöhnliche Geschichte. Es ist die Geschichte von David Bermann und die seiner Freunde, allesamt Überlebende, Juden, die der Vernichtung entgangen sind, oft als einzige ihrer ganzen Familie.

Im zerstörten Nachkriegs-Frankfurt ist David der Erfolgreichste einer Truppe jüdischer Einzelhandelsvertreter, den sogenannten Teilachern. Mit seinen Brüdern kam David aus Galizien ins Vorkriegs-Frankfurt, wo sie gemeinsam ein Wäschegeschäft aufbauten. David konnte sich nach den ersten Ausschreitungen gegen Juden rechtzeitig ins Ausland retten, später ging er zur Fremdenlegion keiner aus seiner Familie überlebte den Holocaust. 1945 kommt David nach Frankfurt zurück, nicht um an das alte Leben anzuknüpfen, sondern aus Mangel an einer Heimat und in der Hoffnung auf einen Neuanfang.

Von Rödelheim bis in den Taunus ist David unterwegs, um Aussteuerpakete zu verkaufen, gemeinsam mit Kollegen, allesamt nach Kriegswirren und Lageraufenthalten gestrandete Juden. Die leidvolle Vergangenheit wollen sie hinter sich lassen, nur ab und an erzählen sie sich grauenhafte Bruchstücke aus ihrem Leben. Lieber widmen sie sich dem Hier und Jetzt, nutzen ihre Sonderstellung als Opfer im Land der Täter, um voranzukommen, und betuppen Kriegerwitwen ebenso kaltschnäuzig wie Alt-Nazis, schließlich geht es ums Überleben.

Und das haben die Teilacher auf die erdenklich furchtbarste Art gelernt: Zum Überlebenswillen muss sich ordentlich Chuzpe dazugesellen, man muss kämpfen und trotzig nach vorne schauen. Und wenn die Teilacher zu unorthodoxen Mitteln greifen, um sich zu behaupten, ist ihr entscheidendes Argument: Wir haben die Nazizeit nicht überlebt, um jetzt aufzugeben. (Anke Breitmaier)

(Arche Literatur-Verlag, Februar 2010, ISBN 978-3-7160-2628-1, 288 Seiten, 19,90 Euro)


25.02.2010

Mit Tischwäsche und Weißwaren von Tür zu Tür

Der Journalist, Filmautor und Regisseur Michel Bergmann hat sein Romandebüt vorgelegt. «Die Teilacher» erzählt von jüdischen Vertretern in der Vor- und Nachkriegszeit.

Es ist 1972. Der Teilacher David Berman ist tot. Nach seiner Beerdigung im strömenden Regen treffen sich seine Kollegen Fajnbrot, Verständig und Szoros in ihrem Frankfurter Stammcafé, um dem jungen David von den alten Zeiten zu erzählen; wie das war damals vor dem Krieg in Frankfurt, dann im Exil, auf der Flucht, in den Lagern und dann wieder in Frankfurt, wieder als Teilacher. Teilacher, das ist ein jiddisch-berlinerischer Begriff, setzt sich zusammen aus «Teil» und dem hebräischen «lachood», Einzelhandel. Der Teilacher ist das kleinste Rad im Kaufmannsgetriebe, der Reisende, der Fuß-in-die-Tür-Steller. David Berman war Teilacher, und er war der Beste von allen.

Im Vorkriegs-Frankfurt siedelt sich Bermans Familie an, geflohen vor den Pogromen in Galizien. Die Brüder eröffnen ein Wäschegeschäft; David verkauft seine Aussteuer-«peckl» mit Tischwäsche und Weißwaren an den Türen, gibt den Bohémien und umflirtet die Frauen. Dann erste Ausschreitungen, beschmierte Geschäfte, zersplitterte Scheiben, Börsencrash – David Berman geht nach Paris, «überwintert» nach dem Einmarsch der Nazis mit der Fremdenlegion und dem «jüdischen Bataillon» in Nordafrika.

Zurück in Frankfurt, ist alles anders. Gestrandete bevölkern die Stadt, Entwurzelte leben im DP-Lager in Zeilsheim oder im «Verschlepptenlager» in Rödelheim, in ausrangierten Güterwagen, Kellern, Trümmern. Unrecht folgt auf Unrecht. She’arit Hapleyta, «der Rest, der entkommen ist», sucht «ein Leben auf’s Neu». Die Teilacher nehmen ihre Geschäfte wieder auf, fahren mit dem Horch oder der Tempo-Dreiradpritsche bis in den Taunus und verkaufen ihre «peckl» an die Eltern vermisster Ritterkreuzträger und an frühere Parteibonzen. David Berman kennt da kein Erbarmen.

Michel Bergmann, 1945 als Kind jüdischer Eltern in der Schweiz geboren, wuchs in Paris und Frankfurt auf, den Hauptschauplätzen der «Teilacher». Sein Romandebüt ist ein packendes Buch, das trotz des heiklen Themas keine Scheuklappen kennt. Im frostigen Nachkriegs-Frankfurt kämpft jeder für sich selbst, es gibt keine Zukunft. Im IG-Farben-Gebäude wird um Pöstchen und Lizenzen geschachert. Weder Deutsche noch Juden noch Amerikaner sind gut oder böse, sie sind vom Geschehenen gezeichnet, nur Menschen. «Die Teilacher» ist Zeitengemälde, Familiensaga, Geschichtsbuch und Mahnschrift zugleich, spannend, berührend, humorvoll, voller Chuzpe und mit einem ganz bezaubernden Ende.

Michel Bergmann: «Die Teilacher». Arche-Literatur-Verlag, Zürich / Hamburg, 288 S., 19,90 Euro


 Gemischtes Doppel, NDR-Kultur, 11-12.00 Uhr, 02.03.10

Annemarie Stoltenberg:
Unter Buchhändlern ist es so, dass man sich eine ganze Weile gegenseitig fragt: Hast du schon ein Buch? Und damit ist gemeint, hast du schon ein Buch, das man jedem empfehlen kann? So das ganz besondere Buch. Danach sucht man immer ne ganze Weile. Eines, das sie auf dem Fahrrad, wenn sie angesprochen werden, jemandem zurufen können, womit man eigentlich nichts falsch machen kann und jedem eine Freude machen kann. So ein Buch braucht man immer. Eins für alle Fälle. Und ich habe es glücklicherweise gefunden.
Raliza Nikolov:
Erzählen Sie uns davon.
AS: Es ist für mich in diesem Frühjahr DAS Buch. Michel Bergmann, die Teilacher, im Arche Verlag erschienen. So ein Buch habe ich noch nie gelesen. Das muss man wirklich sagen, es ist ein ganz schwieriges Thema, an das sich so noch niemand gewagt hat. Michel Bergmann hat das getan. Es handelt eigentlich vom Zusammenleben von Deutschen und Juden in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Er selber ist 1945 in einem Internierungslager in der Schweiz geboren und darum kann er das auch – er kann diesen Ton sehr leicht haben, wo ich eigentlich immer dachte, der sei aus Deutschland 1933 endgültig vertrieben worden. Es ist diese jüdische Erzähltradition, der jüdische Humor, der jüdische Witz und mit dem beschreibt er, wie die Leute dann versucht haben, nach diesen grauenerregenden, nicht zu fassenden Ereignissen während der Nazizeit miteinander auszukommen. Und überhaupt nicht schwarz-weiß. Es gibt solche Deutschen und solche und es gibt solche Juden und solche. Interessant ist übrigens, dass viele aus der Generation der so um Ende der Zwanziger Jahre geborenen – Gert Fuchs zum Beispiel hat es mir erzählt und Hark Bohm sagt es immer wieder – die können bis heute das Wort „Jude“ nicht sagen, weil das so widersprüchliche und auch furchtbare Assoziationen auslöst, dass die es nicht einfach so sagen können und ich glaube, wenn man das Buch von Michel Bergmann liest, kann man das wieder. Es ist auch so vergnüglich dabei, aber es ist auch traurig, aber man lacht sich wirklich kringelig, weil es immer wieder durch diesen typisch jüdischen Überlebenshumor aufgelöst wird.
RN:
Michel Bergmann, der Roman die Teilacher, ist im Arche-Verlag erschienen, 288 Seiten kosten 19 Euro 90

Shortlist Campus Uni HH 02.04.2010

1.
Die Teilacher : Roman
/ Michel Bergmann. – Orig.-Ausg., 2. Aufl. – [Zürich] [u.a.] : Arche, 2010

2.
Die Zauberer : Fantasy
/ Michael Peinkofer. – Gekürzte Lesung. – Hamburg : Osterwold Audio bei Hörbuch Hamburg, 2010-

3.
Dein kleiner Kummerkiller
/ Katja Reider. – 1. Aufl. – Hamburg : Hoffmann und Campe, 2010

4.
Wasserwelten : von Meer und Küste, Fluß und Hafen, Wracks und Tauchern und dem Glück, einen Fisch zu fangen ; nebst einem Epilog: Kleines Strandgut
/ Siegfried Lenz. – 1. Aufl. – Hamburg : Hoffmann und Campe, 2010

5.
Die Hauptstadt der deutschen Literatur : Sanary-sur-mer als Ort des Exils deutschsprachiger Schriftsteller
/ Magali L. Nieradka. – 1. Auflage. – Göttingen, Niedersachs : V&R unipress, 2010

6.
Günter Grass als Botschafter der Multikulturalität : keine Kultur kann auf Dauer von eigener Substanz leben
/ Monika Kucner. – Fernwald : Verlag Litblockín, 2010

7.
Norwegian woods : [psychologischer Roman]
/ Johannes A. Reb. – Hamburg : Artislife Press, 2010

8.
Die Auflehnung : Roman
/ Siegfried Lenz. – Hamburg : Hoffmann und Campe, [2010]

9.
Randzeichnungen : Nebenwege des Schreibens ; [… erscheint zur Ausstellung: „Randzeichen. Drei Annäherungen an den schöpferischen Prozess“, Literaturmuseum der Moderne, Marbach am Neckar, 28. Januar bis 18. April 2010]
/ Heinrich Steinfest. – Marbach am Neckar : Dt. Schillerges., 2010

10.
Boris Pasternak – Kurt Wolff : im Meer der Hingabe ; Briefwechsel 1958 – 1960
/ Boris L. Pasternak. – Frankfurt am Main [u.a.] : Lang, 2010


Was ist ein Teilacher? Ein Teilacher ist „das kleinste spaltbare Teilchen, das Atom der Kaufmannswelt“, mit  anderen Worten: ein Handlungsreisender. „Aber was den Teilacher vom herkömmlichen Handlungsreisenden unterscheidet: Der Teilacher ist Jude. Oder er gibt sich als solcher aus.“ David Berman ist Jude und muss sich nicht als solcher ausgeben, vor allem aber ist er der unbestrittene „Einstein unter den Teilachern“, ein Lebemann und Lebenskünstler, vor allem aber ein genialer Verkäufer, der seiner Arbeit noch aus dem Altersheim heraus nachgeht, Parkinson hin und Lungenkrebs her.

Nach Davids Tod steht der junge Alfred vor der unangenehmen Aufgabe, das Zimmer seines Nennonkels auszuräumen. All die Fotos, Schallplatten, Bücher, Bilder wecken Erinnerungen, aus denen nach und nach David Bermans Leben ersteht: Geboren in Galizien, mit den Eltern nach Frankfurt gezogen, Mitarbeit im elterlichen Wäschegeschäft, das seine Brüder und er zu einem erfolgreichen Unternehmen machen, Ausstieg aus dem geregelten Leben des Geschäftsmanns zugunsten der freieren Existenz des Teilachers, Affären Liebesgeschichten, Flucht nach Frankreich, Fremdenlegion und schließlich Rückkehr ins zerstörte Deutschland. Aber warum ist er nach dem Krieg und dem Holocaust ausgerechnet nach Deutschland zurückgekehrt? Diese Frage können Alfred die Freunde seines Onkels beantworten, Verständig, Fajnbrot und Szoros, und die Geschichten, die sie ihm in ihrem Stammcafé erzählen, stellen Alfreds Leben gründlich auf den Kopf.

Michel Bergmann hat ein faszinierendes, anrührendes Buch über die Rückkehr der Juden nach Deutschland geschrieben, das mal zum Lachen, mal zum Weinen reizt. Er erzählt vom Leben in den DP-Lagern, vom völlig zerstörten Frankfurt, vom Schwarzmarkt, von der amerikanischen Besatzung, von den Problemen und Chancen in den anarchischen Zuständen der Nachkriegsjahre, von der hohen Kunst des Verkaufens, vom Überlebenswillen, der Wut, der Rache, dem Witz und der Lebenskunst der Überlebenden genauso wie von den Ressentiments und der Verdrängungsleistung der deutschen Bevölkerung. Ein wunderbares Buch, das man so schnell nicht vergessen wird.

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main


Romantipp:
Teilacher sind jüdische Handelsvertreter, in diesem Fall machen sie in Wäsche, genauer: in Aussteuerpaketen. Der Journalist und Drehbuchautor Michel Bergmann präsentiert in seinem Romandebüt die Geschichte einiger Juden, die den Vernichtungsfeldzug der Nazis überlebt haben und ins hessische Frankfurt zurückgekehrt sind, um sich dort ein neues Leben aufzubauen.
Im Jahr 1972 packt Alfred Kleefeld den kargen Besitz seines verstorbenen „Onkels“ David Bermann zusammen und hängt dabei seinen Erinnerungen an David, den Geliebten seiner Mutter, nach. Später, nach der Beerdigung, sitzt er mit einigen alten Freunden Davids, den ehemaligen Teilachern Fajnbrot, Verständig und Szoros, im Café zusammen und lauscht ihren Erzählungen von der damaligen Zeit, als sie mit dem Auschwitz-Überlebenden Max Holzmann gemeinsam einen Wäschehandel aufzogen. So erfährt Alfred von Nöten, Sorgen und auch der Kraft seiner Vorfahren in einer politisch, wirtschaftlich und menschlich äußerst schwierigen Situation. Er sieht, wie sie ihren Blick nach vorn und auf das Leben richteten, hört von einigen wundervollen Liebesgeschichten, von Schlemihls und Lebenskünstlern. Und zum Schluss enthüllt sich ihm ein jahrzehntelang gehütetes Geheimnis, das sein Leben verändern wird (das der Leser allerdings schon geahnt hat). Michel Bergmann erzählt ungekünstelt, anrührend, verschmitzt und auf sehr menschliche Weise und bringt uns so ein Stück Zeitgeschichte näher, das nicht allgemein bekannt sein dürfte. –bv der kölner


Der Begriff Teilacher stammt aus dem jiddischen und setzt sich zusammen aus dem Wort „Teil“ und dem hebräischen „Laachod“, Einzelhandel. Gemeint ist damit ein Vertreter, sozusagen das kleinste Teil des Einzelhandels. „Die Teilacher“, das ist eine Gruppe jüdischer Männer aus ganz Europa, die es nach dem Krieg nach Frankfurt verschlägt. Bleiben wollen sie im Land der Deutschen nicht, eigentlich auch keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen. Aber irgendwie muss man ja leben und so beginnen sie Wäsche zu verkaufen. Und obwohl sie eigentlich immer noch weg wollen, in die USA oder nach Palästina, bleiben sie, nie richtig angekommen, immer ein wenig fremd. Fremd auch von den Deutschen, in ihrer Umgebung, die – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht bereit sind ihr Leid anzuerkennen.
David Bermann ist einer dieser Teilacher und der Onkel von Alfred, dem Erzähler dieses wundervollen Romans. Als David Bermann stirbt macht Alfred sich auf, die Geschichte des alten Mannes zu erzählen, der so viel Leid erfahren hat, der 21 Angehörige in Auschwitz verloren und dafür ein paar tausend Mark Entschädigung erhalten hat. Der aber nie seinen Lebensmut, seine Freude am Verkaufen und an den Frauen verloren hat. Und dessen Rettung der jüdische Humor ist. Davon lebt der Roman. Jüdische Witze und jiddisches Idiom sind sozusagen das Rückrad der Menschen von denen er handelt und auch das Rückrad der Geschichte. So ist es Michel Bergmann gelungen eine ungewöhnliche traurige, zuweilen bittere Geschichte zu schreiben, die trotzdem komisch ist und trotz allem eine gewisse Heiterkeit ausstrahlt. Ein ganz tolles Buch, dem ich viele Leser wünsche!


Zum Buch „Die Teilacher“ von Michel Bergmann:

„Ich bin die jüdische Rache an Hitler“

Von Alan Posener 24. April 2010, 04:00 Uhr Weltonline

Michel Bergmanns Roman lässt eine vergessene Zwischengeneration nach 1945 lebendig werden. Vor 1933 gab es das stolze und dennoch bis zur Selbstverleugnung assimilierte deutsche Judentum; nach 1989 gibt es ein neues Judentum in Deutschland, das russisch geprägt und von keinerlei Neurosen geplagt ist. Und dazwischen? Dazwischen gab es zahlreiche Juden mit schlechtem Gewissen; Überlebende der KZs, angeschwemmt in den DP-Lagern, eigentlich auf den Sprung nach Amerika oder Israel. In Deutschland wohnten sie, waren aber nicht deutsch.

Man kennt die Literatur der angeblichen oder tatsächlichen deutsch-jüdischen Symbiose; man wartet auf die Literatur der neuen jüdischen Immigration. Aus der Zwischenzeit gibt es eigentlich nur Rafael Seligmann und Maxim Biller. Und Biller ist oft zu sehr mit épater les boches beschäftigt, und die boches brauchen ihn ja auch, um sich um die Juden zu kümmern.

Michel Bergmanns Roman „Die Teilacher“ lässt die Vergessenen der Zwischengeneration wieder lebendig werden: die Angeschwemmten und die Zurückgekehrten, die im zerstörten Frankfurt wieder Fuß fassen wollen – nein, sie wollen nicht Fuß fassen, das gerade nicht: sie wollen Geschäfte machen, die Deutschen „keilen“ und dann weggehen. Und sie bleiben doch. Der Roman beginnt darum folgerichtig 1972 mit dem Tod in einem jüdischen Altersheim.

David Bermann war ein „Teilacher“ – ein reisender Verkäufer. Halb Hessen versorgten er und seine Kompagnons mit Wäschepaketen. Beste Ware zu Vorzugspreisen, sprich tinnef, mit dem die Leute beganeft werden.

Davids Geschichte wird von Alfred Kleefeld erzählt. Alfred, der sich vom Geschäft und von Deutschland emanzipiert hat und als Schauspieler in Italien B-Movies dreht, ist der Sohn der langjährigen Geliebten David Bermanns. Er muss das Zimmer im Altersheim ausräumen: die Fotos, die Briefe, die Schallplatten. Er muss die Beerdigung vorbereiten. Er redet mit Davids Freunden und Kollegen. In einer losen Folge von Anekdoten und Bildern wird die Welt der Teilacher beschworen. Michel Bergmann tut das ganz unprätentiös. Entstanden ist ein heiterer, unsentimentaler und doch im besten Sinne freundlicher Roman. Ein Roman, der seinen Figuren zudem wohlgesonnen ist: den Teilachern Bermann, Fajnbrot, Fröhlich, Krautberg, Szoros und Verständig; ihrem Chef Max Holzmann; ihren Frauen und Töchtern, besonders der wunderbaren Baby, Alfreds Mutter; dem Personal der Cafés Unterleitner und Wiener, und vielen anderen.

Allein schon wegen der vielen jüdischen Witze lohnt sich die Lektüre. Zum Beispiel der, „wo Moische und Jankel an einer Kirche vorbeikommen, wo ein Schild hängt: Werden Sie Christ, und sie erhalten fünfzig Dollar! Sagt Moische, weißt du was, ich werde reingehen, mich taufen lassen, und dann teilen wir die fünfzig Dollar. Gesagt, getan. Nach einer halben Stunde kommt Moische raus, und Jankel sagt: Nu, wo sind jetzt meine fünfundzwanzig Dollar? Da schaut ihn Moische von oben herab an und sagt: Ja, so seid ihr Juden!“ Ein Witz, der auch einem heutigen Türken etwas über die Tücken der Assimilation zu sagen hat.

Denn bei aller Freundlichkeit ist Bergmanns Roman nicht versöhnlich. Hier säuselt kein literarisches Klezmer-Saxophon das Lied von der schrecklichen Wunde, die sich die Deutschen unverständlicherweise selbst beigebracht hätten, und von der künftigen Brüderlichkeit. „Die Deutschen haben uns gewollt?“ antwortet der Berliner Jude Fränkel auf Alfreds Frage, warum sie geblieben seien. „Deutschland war Feindesland. Wir waren für sie das jeden Tag sichtbare schlechte Gewissen… Und wir Juden? Wir hatten auch kein Interesse daran, aufzufallen. Unsere Leute im Ausland konnten es nicht verstehen, dass wir nicht ausgewandert waren. Meinst du, es hat Spaß gemacht, sich immer rechtfertigen zu müssen. Aber ich persönlich habe mir dann immer gesagt, ich lebe und bin die jüdische Rache an Hitler.“
Schön, wer sich das Bleiben im Feindesland so zurechtreden kann. Andere wissen von den amerikanischen und britischen Einwanderungsquoten zu berichten, von Leuten, die aus dem KZ nach Palästina gingen und dort ihre Kinder in Israels Unabhängigkeitskrieg verloren, aber auch von Bequemlichkeit und von Lebenslügen, die man sich und seinen Kindern erzählt hat.

Bergmann erzählt auch die zarte, schwierige Liebesgeschichte von Max Holzmann, der seine Frau und sein Kind das letzte Mal in Auschwitz gesehen hat und sich nun in eine „gojete“ Deutsche verliebt, die von den Härten der Bombennächte erzählt, mit einem in Russland „Vermissten“ verlobt ist. Derselbe Max Holzmann, der seiner christlichen Sekretärin verboten hat, einen kleinen Weihnachtsbaum im Büro aufzustellen. („Ick weeß nicht, wat ihr wollt?“ sagt der Berliner Fränkel dazu. „Wir waren zwar nicht streng jüdisch zuhause, aber een Weihnachtsbaum ham wa immer jehabt!“) Der ehemalige Schauspieler Fränkel war übrigens der Mann, den man aus dem KZ Sachsenhausen geholt hatte, um dem Führer ein paar Witze beizubringen, damit er nach außen nicht gar so grimmig wirkte. Jedoch… aber lesen Sie doch selbst! Bei Nichtgefallen gibt’s Geld zurück, würde David Bermann sagen, ohne es einen Augenblick lang ernst zu meinen.