„Nachdem ich einmal angefangen hatte, gab es kein Halten mehr".

– „Michel Bergmann hat eine besondere Gabe, die sicherlich auch seinem Erfolg als Drehbuchschreiber zuzuordnen ist: er kann in verschiedenen Ebenen, Sprachstilen und äusserst pointierten Dialogen schreiben“, schwärmt der Durchleser.
– „Unvergessen ist das Gefühl, welches ich hatte, als ich das erste Mal diesen schmalen und mit blauem Leinen wunderschön gestalteten Band in der Hand hielt. Etwas unwiderstehlich Geheimnisvolles strahlte von ihm aus“, erzählt Masuko13 auf We read Indie.
– „Dieser kurze, und auf den ersten Blick recht unscheinbare Roman flößt einem beim Lesen soviel Angst und Schrecken ein, dass man im ersten Moment froh ist, damals nicht gelebt zu haben“, heißt es bei Frauhauptsachebunt.

07.08.2015
Lovely Books:
„Dir weist das Meer den Weg ins Licht, mich führt es heim.“ so lautet die letzte Zeile eines Gedichts, geschrieben von Leonard Weinheber, der, nach dem ihm in Nazi-Deutschland das Wort verboten wird, sich aufmacht übers Meer, in ein Land, dass ihm nicht Heimat, nur Fluchtpunkt ist.

Der Ich-Erzähler, Elias Ehrenwerth, ein junger Berliner Deutschjude ist auf der last-minute Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für seine Freundin Lisa Winter, dabei stolpert er in einem türkischen Kreuzberger Trödelladen über einen ledernen Reisekoffer. Dieses mit Reiseaufklebern mondäner Grandhotels gepflasterte Reiseutensil transportiert den Charme einer anderen Zeit und ist dazu mit den Initialen L.W. versehen, persönlicher kann ein Präsent kaum sein. Also wechselt es den Besitzer. Elias findet im Koffer eine Visitenkarte mit dem vollständigen Namen und der Anschrift des ehemaligen Besitzers: Dr phil. Leonard Weinheber, wohnhaft Viktoria Louise Platz 14, Berlin Wilmersdorf.

Neugierig sucht Elias die angegebenen Adresse auf, vor dem Gebäude findet er einen jener zur Erinnerung in den Boden eingelassenen „Stolpersteine“ mit Weinhebers Namen. Eine Bewohnerin des Hauses gibt ihm weitere Hinweise, spätestens in diesem Moment wird aus dem Koffer, aus dem Namen, ein Mensch und wie ein Fährtenleser folgt dessen Spuren.

Er erfährt, dass sich Weinberger 1939 mit einem italienischen Schiff von Marseille über Genua nach Jaffa aufgemacht hat. Aber wie konnte Elias den Koffer dann in Berlin kaufen? Ihm gelingt es den Vorbesitzer zu ermitteln, einen jungen arabischen Studenten, der jenen Koffer von seinem Großvater in Jaffa, Israel geschenkt bekommen hat.

Das Land seines Vaters, in dem er die Filmhochschule besucht hat und dessen Politik er in jeder Small Talk Runde verteidigen soll: „So kam, wie bei jeder kultivierten deutschen Geselligkeit, der Holocaust auf die Tagesordnung. Aber nur kurz, denn dann wurde die zweite Stufe gezündet: ISRAEL!“, ist Elias nicht unbekannt, also fliegt er nach Israel.

In Jaffa trifft er den muslimischen Großvater, der 1939 jenes Schiff entladen hat, mit dem Weinheber hätte ankommen sollen. Da der deutsche Passagier seinen Koffer aus dem Fundbüro nicht abgeholt hat, gingen er und sein Inhalt in den Besitz des Hafenarbeiters über. Die Kleidung trägt der alte Mann und die persönlichen Dinge, den er bis zu diesem Tag im Keller seines Hauses verwahrt, übergibt er Elias.

Dieser entdeckt Liebesbriefe an eine junge Frau, die schon 1938 nach Palästina gereist ist. Weinheber, der assimillierte Jude, zögert da noch sein Land, in dem er über einen deutschen Dichter promoviert hatte, dessen Sprache sein Werkzeug ist, gegen eine „unkultivierte Wüste bevölkert mit Kaftanjuden“ einzutauschen. Er will glauben, dass das alles nur ein großer Irrtum ist. Er sollte es eigentlich besser wissen, beschreibt er in einem Romanmanuskript doch den Kampf eines jungen Rechtsanwaltes, der für einen armen, rechtlosen Ostjuden und seine Familie Gerechtigkeit einfordert, nachdem dessen Geschäft beim Scheunenviertelprogrom in Berlin 1923 zerstört wird. Als der Roman abgelehnt und er mit einem Berufsverbot belegt wird, schifft der Romancier sich schweren Herzens gen Palästina ein, um seiner Liebe zu folgen.

Auf der Überfahrt lernt er ein junges fünfzehnjähriges Mädchen kennen, die voller Vorfreude auf ein freies, ungezwungenes Leben in einem aufregenden Land ist. Diese Begegnung zeigt, dass der Abschied nicht jedem gleich schwer fiel, je nachdem, was man zurückließ: „Ich bin jung genug, um dieses ekelhafte Land hinter mir zu lassen. Für mich ist es versunken, im Meer! Im Meer des Vergessens.“

In diesem berührenden Kurzroman von Michel Bergmann folgt der Ich-Erzähler, und wir mit ihm, den Spuren eines Lederkoffers und seines Besitzers vom Multikulti-Kiez Berlin Kreuzberg nach Israel, von der Jetztzeit mit seiner hitzig geführten Zweistaaten Diskussion zurück in die Vergangenheit, in der verzweifelte Menschen auf der Suche nach dem einem Staat, der sie wollte, waren. Bergmann spielt virtuos mit den verschieden Sprachstilen, zitiert die zarten Liebesbriefe aus den 30ern, lässt den Ich-Erzähler pädagogische Aufklärungsreden schwingen oder mit lakonisch Sprüchen das typische Großstadtleben kommentieren und schreibt ein Romanmanuskript für den vermissten Schriftsteller, das man gerne veröffentlicht sähe. Wie bei einer Schnitzeljagd arbeiten wir uns von Hinweis zu Hinweis, von Begegnung zu Begegnung und erfahren dabei so viel mehr als nur die Geschichte des Gepäckstücks.

Deutsche Literaturbuchhandlung, Paris, Centre Pompidou vom 01.06.2015

„Weinhebers Koffer“ ist ein ganz besonderer Roman. Er beschäftigt sich so raffiniert und prägnant mit der traurigen Vergangenheit, die beim Leser durch diesen eigentlich so banalen Koffer eine so unersättliche Neugierde auslöst, dass wir an dem Text wirklich vom ersten Moment an wahrlich festkleben und unbedingt alles über Leonard Weinheber wissen wollen. Michel Bergmann gelingt es, ein schwieriges Thema der Geschichte spielerisch, aber trotzdem sehr ernsthaft wieder in Erinnerung zu bringen. Der Roman unterhält auf wunderbar intellektuelle Weise, amüsiert uns in mancherlei Hinsicht und lässt uns aber auch gleichzeitig nachdenklich und vor allem sehr nachhaltig berührt am Ende zurück.

Ralph Wagner, Ypsilon Buchladen & Café:
Der Journalist und Filmemacher Elias Ehrenwerth ist auf der Suche nach einem außergewöhnlichen Geburtstagsgeschenk für seine Freundin. Bei einem Berliner Trödler entdeckt er einen alten, gut erhaltenen Koffer, der unter dem Tragegriff zwei goldgeprägte Initialen hat: L.W. Elias kauft den Koffer ohne langes Überlegen, denn mit ihm scheint er das perfekte Geschenk für seine Freundin Lisa Winter gefunden zu haben. Zu Hause entdeckt er in einer Stoff-Innentasche des Koffers eine angegraute Visitenkarte. Augenblicklich ist seine Neugier geweckt. Der Journalist ist elektrisiert, wittert er doch eine spannende Story. Umgehend beginnt Elias mit seiner Recherche, um so viel wie möglich über den früheren Besitzer des Koffers, einen gewissen Dr. phil. Leonard Weinheber aus Berlin-Wilmersdorf, herauszufinden. Seine Spurensuche führt ihn in das heutige Israel und in die deutsche Vergangenheit. Elias findet heraus, dass Leonard Weinheber Schriftsteller war. 1939 befand er sich mit weiteren 700 Juden aus verschiedenen europäischen Ländern auf der Adriatica, einem Flüchtlingsschiff auf dem Weg von Marseille nach Jaffa. Doch in Palästina kam lediglich sein Koffer an, der fast 70 Jahre später in Berlin wieder auftauchte. Elias spürt der Sache weiter nach: In Israel trifft er den Mann, der den herrenlosen Koffer 1939 an sich genommen und aufbewahrt hat. Neben Kleidungsstücken und einer Schreibmaschine befanden sich auch ein Bündel Briefe und ein Roman-Manuskript darin.

Geschickt und wirkungsvoll lässt Michel Bergmann Romanfragmente und Briefe der bereits in Palästina lebenden Freundin Leonard Weinbergers, Lenka Rosen, in seine Erzählung einfließen. Damit liefert er nicht nur Puzzlestücke für Elias’ Recherche, sondern veranschaulicht sowohl die beklemmende Atmosphäre als auch die sich immer dramatischer zuspitzende Situation für die deutschen Juden seit der Reichspogromnacht. Heute ist uns bekannt, wohin das alles geführt hat und dass auch die Staatsgründung Israels 1948 eine Konsequenz der nationalsozialistischen Politik des Vertreibens und Mordens war. Und hier schlägt der Autor den nächsten Bogen: Er thematisiert das Infragestellen des Existenzrechts Israels, die inneren Widersprüche und Probleme der israelischen Gesellschaft sowie das Verhältnis zu und den Umgang mit den Palästinensern. Es sind große, komplexe und strittige Fragen, die Michel Bergmann in seinem zwar nur 140 Seiten zählenden, dafür aber umso gewichtigeren Roman anspricht. Seine Themen sind Verlust von Rechten, Vertreibung und Flucht sowie der legitime Kampf für das eigene Existenzrecht. Michel Bergmann erzählt mit viel Empathie, einem wunderbaren Humor, aber auch streitlustig und ironisch. Herausgekommen ist ein feines kleines Buch, das keine schnellen Antworten bietet, aber viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren birgt.

“Weinhebers Koffer” von Michel Bergmann

Als sich der Journalist Elias Ehrenwerth auf die Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für seine Freundin Lisa Winter macht, findet er in einem Second-Hand-Laden einen alten Koffer mit den Initialen L.W. In der festen Absicht, diesen Koffer seiner Freundin zu schenken, nimmt er ihn mit nach Hause. Dort angekommen entdeckt er beim näheren Betrachten eine Visitenkarte des ehemaligen Kofferbesitzers: Dr. phil. Leonard Weinheber. Neugierig wer das wohl sein mag, macht sich Ehrenwirth auf die Suche.

Ehrenwirth, der als Journalist und Filmemacher hinter diesem Koffer eine spannende Geschichte wittert, erzielt schnell erste Erfolgsergebnisse. Seine Suche nach Weinheber führt ihn von Berlin nach Israel. Dorthin wollte der damals noch junge Schriftsteller fliehen, kurz nach der Reichspogromnacht im November 1938. In Israel angekommen, trifft er sich mit dem Mann, der den Koffer seinem Enkel mit nach Deutschland gegeben hat. Nicht ahnend, wie sehr ihn dieses Treffen und seine weiteren Recherchen emotional erschüttern werden.

Es ist eine Geschichte über den Verlust liebgewonnener Menschen, über das Zurücklassen der eigenen Seele, das Aufgeben der eigenen Freiheit, die letztendlich gar keine mehr ist. Getrieben von der Angst nicht mehr der sein zu dürfen, der man ist. Keine Rechte mehr zu haben, weil man in anderer Leute Augen dem falschen Glauben angehört.

Dieser kurze, und auf den ersten Blick recht unscheinbare Roman, flösst einem beim Lesen soviel Angst und Schrecken ein, dass man im ersten Moment froh ist, damals nicht gelebt zu haben. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, desto bewusster wird einem, wie aktuell das Geschilderte ist. Durch die häufigen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und die im Vordergrund stehende Frage, was denn wirklich mit Weinheber geschehen ist, wird einem die politische Aktualität dieses Romans erst nach und nach bewusst. Die Auseinandersetzungen in Israel, das Leid der Menschen, und auch hier die Ungewissheit wie es in Zukunft weitergeht.

Trotz gerade einmal 142 Seiten ist dies eine so eindringliche Geschichte, die sowohl den Schrecken der Vergangenheit wieder ans Tageslicht holt, als auch die aktuelle politische Lage widerspiegelt. Eine Geschichte die ins Herz trifft, die einen sprachlos zurücklässt und man sich nichts sehnlicher wünscht, als das jeder Heimatlose, jeder Vertriebene dorthin zurückkehren darf, wo die Seele zuhause ist, und zwar in Frieden!

„Ich kann es nicht herausreißen aus meinem Herzen, sagte er, mein Deutschland ist nicht das Land der Nazis. Es ist das Land Schillers, Börnes, Beethovens… Ich habe über dreißig Jahre in diesem Land gelebt. Ich habe es noch gekannt, als es noch nicht schuldig war, noch nicht infiziert vom Geist des Bösen…Ich habe Büchner verehrt und Thomas Mann. All das hat sich eingebrannt in meine Seele und das lässt sich nicht wegwischen.“
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Weinhebers Koffer
Michel Bergmann

Ein kleines Buch, das eine große Geschichte erzählt und mich sehr berührt hat. Der Berliner Journalist Elias Ehrenwirth erwirbt bei einem Trödler einen alten Koffer, der ihm als Geschenk für seine Freundin geeignet scheint. Er recherchiert über die Geschichte des Koffers, der die Initialen L.W. trägt und findet heraus, dass der Koffer dem Schriftsteller Leonard Weinheber gehörte, der Anfang 1939 Deutschland mit Ziel Palästina verlassen hat. Elias, wie Weinheber Jude, fängt an über die Geschichte Weinhebers zu forschen. Die Suche führt ihn nach Israel. Anders als in seinen erfolgreichen Romanen „Die Teilachers“, „Machloikes“ und „Herr Klee und Herr Feld“ bedient sich Bergmann dieses Mal einer knappen, klaren Erzählform, die aber auch sprachliche Finessen aufweist, etwa wenn er zwischen der Gegenwartserzählung und Passagen aus Weinhebers (fiktivem) Werk wechselt. Das Buch wirkt nachhaltig und ich werde es garantiert noch mindestens ein zweites Mal lesen.

Sven Puchelt
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Funkhaus Europa;
Buchtipp – Weinhebers Koffer: Durch Zeiten und Welten

Von Ulrich Noller

Jüdisches Leben früher und heute – in den letzten Jahren gab es einige Bücher, die es geschafft haben, davon auf eine neue Weise zu erzählen. Neuestes Beispiel: Der Roman „Weinhebers Koffer“ von Michel Bergmann.

Michel Bergmann: Weinhebers Koffer

Wie erzählt man von der jüdisch-deutschen Geschichte ohne nur zu historisieren, ohne den Bezug ins Jetzt zu verlieren? Beliebte Möglichkeit: Eine Erkundung in der eigenen Familiengeschichte; ausgelöst etwa durch einen Nachlass, in dem sich Fährten aus der Vergangenheit finden. Der oder die AutorIn macht sich auf die Suche und schon ist man mittendrin – in Vergangenheit und Gegenwart des jüdischen Lebens (in Deutschland) zugleich.

Michel Bergmann, geboren 1945, schon lange in Berlin lebender Schweizer, hat für seinen Roman „Weinhebers Koffer“ (Edition Kattegat bei Dörlemann, 16,90 Euro) einen anderen Kniff gefunden – eben den Koffer, der der Geschichte den Titel gibt. Der Erzähler, ein verkrachter Medienschaffender namens Elias Ehrenwerth, findet ihn auf der Suche nach einem Geschenk für seine Freundin Lisa Winter in einem türkischen Berliner Trash-Antiquariat.

Spurensuche – in Berlin und Israel, im Damals und Heute

L.W., die Initialen, die Elias Ehrenwerth zu dem Koffer haben greifen lassen, verhindern letztlich, dass er das Geschenk seiner Geliebten auch aushändigt: Sie gehören zu Leonard Weinheber, einem Schriftsteller, der sich im Jahr 1939 von Berlin aus nach Palästina aufmachte. Was die Frage aufwirft: Wie gelangte der Koffer des Exilanten in die Gegenwart eines Berliner Antiquariats, und zwar, wie sich herausstellen wird, auch noch mit Hilfe eines jungen Palästinensers? Und überhaupt, was hat es auf sich mit diesem Leonard Weinheber, seinem Gepäckstück – und seiner Geschichte?

Samt Koffer macht sich Elias Ehrenwerth also auf die Suche nach den Spuren Weinhebers, in Berlin, in Israel, im Damals, im Heute. Und er wird fündig, hier wie dort – insbesondere an Orten, an denen die Geschichte der Gegenwart sichtbar wird. Zum Beispiel, wenn er in Jerusalem eine quicklebendige „alte Schachtel“ trifft, die mit Weinhebers auf dem Schiff war und heute darunter leidet, dass das Viertel, in dem sie seit Jahrzehnten lebt, zunehmend religiös radikalisiert wird.

„Weinhebers Koffer“ ist ein tolles Buch, das geschickt konstruiert ist. Die Idee mit dem Koffer ist so einfach wie genial; sie erlaubt es dem Autor, seine Leser ganz umstandslos durch Zeiten und Welten zu führen. Schade nur, dass die Erzählung an einigen Stellen sprachlich abfällt, da hätte ein strengerer Lektor Wunder wirken können. Insofern: nur beinahe – ein kleines Meisterwerk. Macht aber nichts, es muss ja nicht jedes Buch ein Meisterwerk sein, besondere Geschichten reichen auch, und eine solche ist Michel Bergmann in jedem Fall gelungen.

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WEINHEBERS KOFFER“ VON MICHEL BERGMANN

Der Ewige Jude auf See
Von Irene Widmer, sfd

„Weinhebers Koffer“ des gebürtigen Schweizers Michel Bergmann ist ein süffig-heiterer und dennoch doppelbödiger Roman. Er beginnt als Spurensuche nach einem verschollenen Kofferbesitzer und liefert ein Panorama jüdischer Leidensgeschichte(n) aus fast 100 Jahren.

Auf der Suche nach einem Geschenk für seine Freundin stösst Elias Ehrenwerth in einem Berliner Trödelladen auf einen alten, edlen Koffer, der – welch glückliche Fügung! – die Initialen seiner Freundin trägt: L.W. Doch dann mag er das Fundstück doch nicht verschenken, jedenfalls nicht, bevor er das Geheimnis um den ursprünglichen Besitzer, einen 1939 verschollenen jüdischen Autor geklärt hat.

Ehrenwerths Jagdfieber – und mit ihm das der Leser – steigt von Seite zu Seite: Der unmittelbare Vorbesitzer war Hamed, ein arabischer Student aus Israel, der die Antiquität von seinem Grossvater bekommen hat. Und dieser hatte den Koffer 1939 im Hafen von Jaffa an sich genommen, weil kein Passagier des zugehörigen Einwandererschiffs ihn abholte. Wo aber ist Weinheber abgeblieben?

Liebe in schwierigen Zeiten

Elias fliegt nach Israel und spricht bei Opa Gibril vor. Dieser hat vom Kofferinhalt eine Reiseschreibmaschine und ein Dokumentenkonvolut aufbewahrt, das darf Ehrenwerth gerne haben. Auf die Schreibmaschine verzichtet der Rechercheur – ein Fehler, wie sich zeigt, denn sie enthält den entscheidenden Hinweis.

Auf die Papiere – eine Sammlung Briefe und ein Romanmanuskript – aber stürzt sich Ehrenwerth gierig. Sie erzählen ihm zwei Geschichten: die wahre Liebesgeschichte zwischen dem Autor Leonard Weinheber und der Schauspielerin Helene Rosenblum während der Nazizeit und die fiktive Geschichte eines Anwalts, der nach dem Pogrom im Berliner Scheunenviertel 1923 einem jüdischen Krämer zu seinem Recht verhelfen will. Keine der Geschichten geht gut aus.

Kein Zuhause – nirgends

Parallel zur Lektüre forscht Ehrenwerth in Israel nach Leuten, die Weinheber gekannt haben könnten. Nicht alle Gespräche sind hilfreich, viele vermitteln „nur“ historische Stimmungslagen – in Nazideutschland ebenso wie im jungen Staat Israel.

Nur eine Person spürt er auf, die Weinheber nähergekommen ist: Eine Frau, damals noch ein Teenager, hatte auf der Überfahrt nach Israel versucht, mit dem Autor anzubandeln. Es zeigt sich, dass Weinheber Deutschland – auch wenn es ihn als Juden übel behandelte – nur ungern verliess. Einzig die grosse Liebe, die ihm ins Kibbuz vorausgegangen war, verlieh seinem Exil Sinn. Dennoch ging er nicht von Bord.

Vielleicht spukt er als Ewiger Jude noch immer auf einem Schiff herum, suggeriert einmal jemand – ewig auf Überfahrt, weder im Geburtsland zu Hause noch im Gelobten Land. Das erweist sich am Schluss als gar nicht so falsch.

Unspektakulär, aber gekonnt gemacht

Unterfüttert hat Bergmann die äussere Handlung mit der Palästinafrage. Ehrenwerth ist – anders als sein intellektuelles Berliner Umfeld – ein glühender Verteidiger Israels. Immer wieder führt er Streitgespräche, namentlich mit seinem palästinensischen Freund Amin. Der Autor Bergmann schlägt sich dabei aber nicht auf Ehrenwerths Seite, sondern zeigt beide Seiten der Medaille.

Und so entsteht eine dritte Geschichte: Die Wandlung des Klugscheissers Ehrenwerth zu einem, der in Gesprächen mit verschiedensten, von der Palästinafragen betroffenen Menschen zu einer differenzierteren Einstellung findet. Weinhebers Koffer, sagt er einmal, habe ihn gefunden, nicht umgekehrt – Weinhebers Koffer habe sein Leben verändert.

Bergmann hat die Gabe, Witz und Tiefgründigkeit zur spannenden Unterhaltung zusammenzuspinnen. Er verdichtet eine Vielzahl von Motiven auf nur 142 Seiten – und dennoch wirkt das Gelesene luftig. Wie wenige versteht er es überdies, die Tonarten seinen Charakteren anzupassen: Ehrenwerth, Weinheber, Helene und die verschiedenen Zeitzeugen haben ihre je eigene Ausdrucksweise. Solides Handwerk.

weinhebers-koffer
Durchgelesen – “Weinhebers Koffer” v. Michel Bergmann

Fräulein Julia, 17.02.2015
Ein eindringliches Büchlein im Hosentaschenformat: In “Weinhebers Koffer” von Michel Bergmann geht ein Berliner Filmemacher der Geschichte eines jüdischen Schriftstellers nach, der 1939 per Schiff nach Palästina emigrierte – doch nur sein Koffer kam dort an…

In meinem Flur steht seit etlichen Jahren ein alter Stewardessen-Koffer, schwarz und über und über mit Aufklebern aus Hotels und Restaurants ferner Länder beklebt. Ich hatte ihn in der Oberstufe für ein Kunst-Projekt auf dem Flohmarkt gekauft und mir zu der Besitzerin eine Lebensgeschichte ausgedacht. Wem der Koffer wirklich gehörte, hat mich komischerweise nie weiter beschäftigt.

Elias Ehrenwerth, die Hauptfigur in dem Roman, ist da anders. Auf der Suche nach einem ebenso kurzfristigen wie ausgefallenen Geburtstagsgeschenk für seine Freundin – Männer! – landet er in einem Kreuzberger Trödelladen, wo er sich einen alten Koffer aufschwatzen lässt. Doch als er im Innern die alte Visitenkarte eines Dr. phil Leonard Weinheber findet, muss sich die Freundin mit Blumen und Pralinen vergnügen – Elias behält den Koffer und beginnt mit Nachforschungen. Wer war dieser Weinheber?

Kattegat-3-dunkel.inddÜber drei Ecken führt ihn die Spur nach Israel, wo ihm der Großvater des jungen Mannes, der den Koffer mit nach Berlin brachte, seine Geschichte erzählt: Als 1939 eines der etlichen Schiffe mit Emigranten aus Nazi-Deutschland in Palästina ankam, sei das Gepäckstück als einziges nicht abgeholt worden. Auch in den Jahren danach habe sich der Besitzer nicht gemeldet. Fasziniert vertieft sich Elias in die Briefe und Manuskripte, die in dem Koffer gelegen hatten, und immer weiter lüftet sich der Schleier um das geheimnisvolle Verschwinden des jüdischen Schriftstellers. Doch es bleibt ein Rätsel: Warum kam damals lediglich der Koffer an, während von dem Besitzer bis heute jede Spur fehlt?

Auf nur 140 Seiten schafft es Michel Bergmann gekonnt, die schmerzhafte Geschichte der (Berliner) Juden, die in den 1930er Jahren auf der Suche nach Frieden Richtung Palästina emigrierten, mit dem aktuell wieder besonders schwelenden Konflikt zwischen Israel und Palästina zu verweben.

Allein diese verschiedenen Erzählstränge hätten genügend Stoff für mindestens zwei Bücher gegeben, und so geht es ein bisschen zu Lasten der Lesefreude, wenn die turbulenten Lebensgeschichten der Menschen, die Elias auf seiner Recherche kennenlernt, mitunter auf einer halben Seite abgehandelt werden. Wie gerne wäre man tiefer in die Erinnerungen dieser – trotz der wenigen Worte äußerst liebevoll gezeichneten – Menschen eingetaucht!
By durchleser on 25. Januar 2015
Die Suche nach einem Geburtstagsgeschenk ist nicht immer ein leichtes Unterfangen, doch wenn plötzlich ein Objekt sich als das potentielle Präsent zu einer vollkommen unerwarteten Entdeckung entpuppt, wird die Neugierde nicht nur bei dem Protagonisten, sondern auch beim Leser geschürt. „Weinhebers Koffer“ ist nicht nur der Titel des neuen Romans von Michel Bergmann, sondern auch der Ursprung eines besonderen Geheimnisses.
Michel Bergmann, geboren 1945 als Kind internierter jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Paris und in Frankfurt am Main. Nach der Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau arbeitete Bergmann als freier Journalist, wechselte aber später in die Filmbranche und ist inzwischen als Regisseur, Filmproduzent und insbesondere als Drehbuchschreiber – unter anderem für die Serien “Polizeiruf 110″ und “Unter Verdacht” – tätig. Sein erster Roman „Die Teilacher“ erschien 2010 und war so erfolgreich, dass er sogar 2013 verfilmt wurde. Nach verschiedenen Romanen und Erzählungen erscheint nun ganz aktuell sein neuer Roman „Weinhebers Koffer“!
Die Rahmengeschichte spielt in Berlin. Die Hauptfigur ist der Journalist und Filmemacher Elias Ehrenwerth, der wie bereits eingangs kurz erwähnt ein passendes Geschenk für seine Freundin Lisa Winter sucht. In einer Art Trödelgeschäft stöbert Ehrenwerth nach dem richtigen Präsent, entdeckt viel Unbrauchbares, Überflüssiges und Altes. Dabei wird er fündig: ein Lederkoffer mit unglaublich vielen Aufklebern, die subtil und diskret die grossen „Reiseerfahrungen“ dieses Gepäckstückes erzählten. Doch das Besondere an dem Koffer waren vor allem die imprägnierten Initialen L.W.! Ganz klar für Ehrenwerth, das würde perfekt zu Lisa Winter passen und somit kauft er dieses Fundstück.
Bei sich zu Hause öffnet Ehrenwerth den Koffer und findet zu seiner Überraschung eine alte Visitenkarte von einem besagten Dr. phil. Leonard Weinheber, wohnhaft Viktoria-Louise-Platz 14 in Berlin-Wilmersdorf. Ab diesem Zeitpunkt war die Entscheidung getroffen, der Koffer konnte erst als Geschenk eingesetzt werden, wenn Ehrenwerth herausgefunden hätte, wer dieser Leonard Weinheber wirklich war.
Elias Ehrenwerth macht sich auf den Weg an die auf der Visitenkarte angegebene Adresse und erfährt, dass es sich bei Weinheber um einen Schriftsteller handelt, der 1939 auf der Flucht vor den Nazis sein geliebtes Deutschland verlassen musste und es keinen anderen Ausweg mehr für ihn gab, als nach Israel zu fliehen. Ehrenwerth forscht intensiv nach, woher denn nun dieser Koffer als letztes kam und wird über mehrere Ecken einen ersten Anhaltspunkt in Israel finden. Er reist in das Land, das vielleicht der letzte Lebensmittelpunkt von Weinheber sein konnte bzw. auch sein sollte. In Israel trifft er auf den Grossvater (Araber) des Trödelhändlers in Berlin, der diesen Koffer seinem Enkel für seine Reise nach Deutschland mitgegeben hatte. Der alte Mann ist äusserst hilfsbereit. Er entdeckte den Koffer am Hafenkai von Jaffa, wo er früher gearbeitet hatte. Da der Koffer nie vom dortigen Fundbüro von seinem rechtmässigen Besitzer abgeholt wurde, durfte er diesen mit nach Hause nehmen. Der alte Mann passte gut auf den Inhalt auf, die Kleidung trug er ganz vorsichtig und die Dokumente, wie Briefe von Weinhebers grosser Liebe, aber auch ein Buchmanuskript wurden sorgfältig aufgehoben. Elias Ehrenwerth freute sich sehr, dass er nun diese interessanten Papiere gefunden hatte und dadurch hoffentlich dem mysteriösen Geheimnis um Weinhebers Koffer und der damit verknüpften dramatischen Lebensgeschichte endlich auf die Spur kam…
Der Roman hat zwar nur 140 Seiten, enthält aber so viele Geschichten, Erfahrungen, Eindrücke, Emotionen, als würde man vor einem dicken Schmöker sitzen, der einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt. Michel Bergmann hat eine besondere Gabe, die sicherlich auch seinem Erfolg als Drehbuchschreiber zuzuordnen ist: er kann in verschiedenen Ebenen, Sprachstilen und äusserst pointierten Dialogen schreiben. Selten wird man ein Werk finden, das so unaufgeregt und fliessend zwischen einer journalistisch lockeren Feder und einer wahrlich elegant literarischen Erzählkunst wechselt. Dadurch wird die Rahmenhandlung in Berlin zu einem amüsant, provokativen Feuerwerk und die eingebettete und eher düstere Geschichte um Leonard Weinheber zu einer sehr emotionalen, aber historisch nicht unwichtigen Recherche, die das Thema Vertreibung aus der Heimat gepaart mit Trauer und Sehnsucht sehr gut darstellt.
„Weinhebers Koffer“ ist ein ganz besonderer Roman. Er beschäftigt sich so raffiniert und prägnant mit der traurigen Vergangenheit, die beim Leser durch diesen eigentlich so banalen Koffer eine so unersättliche Neugierde auslöst, dass wir an dem Text wirklich vom ersten Moment an wahrlich festkleben und unbedingt alles über Leonard Weinheber wissen wollen. Michel Bergmann gelingt es, ein schwieriges Thema der Geschichte spielerisch, aber trotzdem sehr ernsthaft wieder in Erinnerung zu bringen. Der Roman unterhält auf wunderbar intellektuelle Weise, amüsiert uns in mancherlei Hinsicht und lässt uns aber auch gleichzeitig nachdenklich und vor allem sehr nachhaltig berührt am Ende zurück.

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Ein geheimnisvoller Koffer
Weinhebers Koffer
von Michel Bergmann
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Anhand von „Weinhebers Koffer“ führt uns Michel Bergmann in die Vergangenheit.
Der Journalist und Drehbuchautor Michel Bergmann wurde 1945 in der Schweiz als Kind jüdischer Flüchtlinge geboren. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 2010 mit dem Titel „Die Teilacher“. Es folgten dann noch „Machloikes“ und „Herr Klee und Herr Feld“ – Geschichten von jüdischem Leben in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Nun hat Michel Bergmann einen neuen Roman geschrieben, mit dem er die Vergangenheit anhand eines Gegenstands noch einmal auferstehen lässt: „Weinhebers Koffer“.
Ein Koffer voller Aufkleber
144 Seiten lang ist der eher schmale Roman. Die Geschichte handelt von einem Filmemacher, der ein Geschenk für seine Freundin sucht und bei einem Trödler einen Koffer entdeckt, der mit den Initialen L.W. gekennzeichnet ist. Es sind auch die Initialen seiner Freundin Lisa Winter und so erwirbt er den alten Koffer, um ihn dann allerdings doch nicht zu verschenken. Er ist fasziniert von den Aufklebern, die allein schon eine Geschichte erzählen, und dem Hinweis auf den früheren Besitzer: „Dr. phil. Leonhard Weinheber, Berlin-Wilmersdorf, Victoria-Louise-Platz 14. Fernsprecher 42371.“
Auf den Spuren des Besitzers
Die Hauptfigur des Romans, der Filmemacher Elias Ehrenwerth, wittert eine spannende Story und geht Stück für Stück den Hinweisen auf Leonard Weinheber nach. Er fährt zum Victoria-Louise-Platz in Berlin, findet heraus, dass Weinheber Schriftsteller war und 1939 auf der Flucht vor den Nazis seine Heimat verlassen musste und nach Israel auswandern wollte. Wir Leser begleiten Elias Ehrenwerth bei seinen Recherchen bis nach Israel, wo er hinfliegt, um den Mann zu treffen, der Weinhebers Koffer seinem Enkel mit nach Deutschland gegeben hat.
Vom traurigen Verlust der Heimat

Er ist Regisseur, Journalist und Schriftsteller: der in der Schweiz geborene Michel Bergmann.
Ehrenwerth ist erfolgreich bei seiner Suche nach Leonard Weinhebers Spuren, er wird ein Romanmanuskript von ihm entdecken und vieles mehr. Es ist Michel Bergmanns altes Thema, das hier noch einmal mit Wehmut und Trauer erzählt wird: Was es bedeutet, aus seiner Heimat vertrieben zu werden. Geschrieben ist das sozusagen stilistisch gestreift, zum einen mit einer ganz heutigen Schnoddrigkeit, in den schönen Passagen des Buches, aber auch mit großer Anmut und Würde. Geschickt sind Zitate aus Weinhebers düsterem Romanmanuskript und aus Briefen seiner Geliebten eingewoben.
Ein paar Mängel
Aber es gibt auch ärgerliche Passagen. Zum Beispiel, als der Ich-Erzähler zu Beginn berichtet:
Leseprobe:
Ich hatte einen Blumenstrauß und dazu eine edle Dose […] erstanden, eine frivole Süßigkeit aus Belgien, für die Lisa sich (und mich) hingeben würde. Darüber hinaus war vorgesehen, ihr das Leseexemplar des neuen Romans von Jojo Moyes zu schenken, das ich mir unter Vorspiegelung falscher Tatsachen (habe vor, eine Rezension zu schreiben, ha, ha) vom Verlag hatte zuschicken lassen, wie ich es oft mache.
Wirklich witzig ist dieses neckische Geständnis des Helden nicht. In Israel wohnt Ehrenwerth im Hotel, einige Zeilen später ist es eine Familienpension, und einmal durchquert er ein Gewerbegebiet, das mit dem Wort „lieblos“ beschrieben wird. Lieblos ist noch mal etwas anderes. Aber die Geschichte ist gut genug, um solche Mängel auszuhalten.
Bergmann erzählt mit Temperament und Mut
Weinhebers Koffer war bei einem Araber gelandet, der 1939 im Hafen von Jaffa gearbeitet hat, ihn dort am Kai entdeckt und zuerst zum Fundbüro gebracht und dann mit nach Hause genommen hatte, nachdem sich kein Eigentümer meldete. Die elegante Kleidung hat er sein Leben lang getragen und in Ehren gehalten und die Papiere, die darin waren, sorgfältig aufgehoben. Bergmann erzählt mit Temperament und Mut zur Meinung auch zur gegenwärtigen politischen Lage und er lässt alle Seiten zu Wort kommen.
Schließlich wischt man sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, wenn zum Schluss alle Puzzleteile von Leonhard Weinhebers Lebenslauf für uns heutige Leser zusammengetragen sind.
Buchtipp

16.02.2015
Als sich der Journalist Elias Ehrenwerth auf die Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für seine Freundin Lisa Winter macht, findet er in einem Second-Hand-Laden einen alten Koffer mit den Initialen L.W. In der festen Absicht, diesen Koffer seiner Freundin zu schenken, nimmt er ihn mit nach Hause. Dort angekommen entdeckt er beim näheren Betrachten eine Visitenkarte des ehemaligen Kofferbesitzers: Dr. phil. Leonard Weinheber. Neugierig wer das wohl sein mag, macht sich Ehrenwirth auf die Suche.

Ehrenwirth, der als Journalist und Filmemacher hinter diesem Koffer eine spannende Geschichte wittert, erzielt schnell erste Erfolgsergebnisse. Seine Suche nach Weinheber führt ihn von Berlin nach Israel. Dorthin wollte der damals noch junge Schriftsteller fliehen, kurz nach der Reichspogromnacht im November 1938. In Israel angekommen, trifft er sich mit dem Mann, der den Koffer seinem Enkel mit nach Deutschland gegeben hat. Nicht ahnend, wie sehr ihn dieses Treffen und seine weiteren Recherchen emotional erschüttern werden.

Es ist eine Geschichte über den Verlust liebgewonnener Menschen, über das Zurücklassen der eigenen Seele, das Aufgeben der eigenen Freiheit, die letztendlich gar keine mehr ist. Getrieben von der Angst nicht mehr der sein zu dürfen, der man ist. Keine Rechte mehr zu haben, weil man in anderer Leute Augen dem falschen Glauben angehört.

Dieser kurze, und auf den ersten Blick recht unscheinbare Roman, flösst einem beim Lesen soviel Angst und Schrecken ein, dass man im ersten Moment froh ist, damals nicht gelebt zu haben. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, desto bewusster wird einem, wie aktuell das Geschilderte ist. Durch die häufigen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und die im Vordergrund stehende Frage, was denn wirklich mit Weinheber geschehen ist, wird einem die politische Aktualität dieses Romans erst nach und nach bewusst. Die Auseinandersetzungen in Israel, das Leid der Menschen, und auch hier die Ungewissheit wie es in Zukunft weitergeht.

Trotz gerade einmal 142 Seiten ist dies eine so eindringliche Geschichte, die sowohl den Schrecken der Vergangenheit wieder ans Tageslicht holt, als auch die aktuelle politische Lage widerspiegelt. Eine Geschichte die ins Herz trifft, die einen sprachlos zurücklässt und man sich nichts sehnlicher wünscht, als das jeder Heimatlose, jeder Vertriebene dorthin zurückkehren darf, wo die Seele zuhause ist, und zwar in Frieden!

Ich kann es nicht herausreißen aus meinem Herzen, sagte er, mein Deutschland ist nicht das Land der Nazis. Es ist das Land Schillers, Börnes, Beethovens… Ich habe über dreißig Jahre in diesem Land gelebt. Ich habe es noch gekannt, als es noch nicht schuldig war, noch nicht infiziert vom Geist des Bösen…Ich habe Büchner verehrt und Thomas Mann. All das hat sich eingebrannt in meine Seele und das lässt sich nicht wegwischen.