„Nachdem ich einmal angefangen hatte, gab es kein Halten mehr".

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Rhein-Main-Time

Jue­di­sche-All­ge­mei­ne_Wie-wir-wur­den-was-wir-sind 30.10.2014

Illus­trier­te Neue Welt  (Wien) Sept. 2014,Buch v. Michel Berg­mann

Bergmann_01.10.2014_Frankfurter All­ge­mei­ne Zei­tung

Wenn Weih­nach­ten aus dem Ruder läuft
von Chris­ti­an Preu­ßer
Der Regis­seur, Film­pro­du­zent und Schrift­stel­ler Michel Berg­mann schreibt über Juden, den Holo­caust und die Zeit danach. Nun war er in Kron­berg zu Gast und bestach durch sei­nen Witz und sei­ne Offen­heit. Es sind die The­men, die auch die gro­ßen zeit­ge­nös­si­schen ame­ri­ka­ni­schen jüdi­schen Roman­ciers Saul Bel­low und Phi­lip Roth umtrei­ben: Wie erle­ben die Nach­kom­men euro­päi­scher Juden die Frei­heit, ent­schei­den zu kön­nen, ob und wie sie sich als Juden emp­fin­den. Die Grün­dung Isra­els und der Holo­caust spie­len dabei ent­schei­den­de Rol­len der Iden­ti­fi­ka­ti­on.
Jene Aus­ein­an­der­set­zung mit Geschich­te und Iden­ti­fi­ka­ti­on hat Roth welt­be­rühmt gemacht und Bel­low den Lite­ra­tur­no­bel­preis beschert. Doch sind die­se lite­ra­ri­schen Auf­ar­bei­tun­gen nicht nur in Ame­ri­ka behei­ma­tet: In Frank­furt ist der Regis­seur, Film­pro­du­zent und Schrift­stel­ler Michel Berg­mann auf­ge­wach­sen, und auch er befasst sich in sei­nen Tex­ten haupt­säch­lich mit der jüdi­schen Geschich­te und Iden­ti­fi­ka­ti­on nach dem Zwei­ten Welt­krieg.
Berg­manns Geschich­ten spie­len nicht an der ame­ri­ka­ni­schen Ost­küs­te, son­dern dort, wo er sich aus­kennt: in Frank­furt. Der cha­ris­ma­ti­sche jüdi­sche Autor schreibt mit viel Witz, Melan­cho­lie und Lako­nie über sei­ne Jugend­jah­re in der Main­me­tro­po­le, schil­dert längst ver­ges­se­ne Plät­ze und berich­tet augen­zwin­kernd von den Marot­ten der Frank­fur­ter Nach­kriegs­ge­sell­schaft.
Die Teila­cher-Tri­lo­gie
Einen gro­ßen Erfolg konn­te Berg­mann im Jah­re 2010 fei­ern, als sein Debüt­ro­man „Die Teila­cher“ im Arche-Ver­lag ver­öf­fent­licht wur­de. Der Roman erzählt die Geschich­te deut­scher Juden, die den Holo­caust über­lebt haben und nun eigent­lich nicht mehr in Deutsch­land leben möch­ten. Doch um Geld zu ver­die­nen, kom­men sie zurück nach Frank­furt und bau­en hier ihre Geschäf­te auf.
Berg­mann wur­de für sei­nen leich­ten Ton von der Kri­tik gefei­ert, vom Publi­kum geliebt. Am Mon­tag­abend war der Autor nun in die Schön­ber­ger Bücher­stu­be von Dirk Sackis gekom­men, um sei­nen jüngs­ten Erzähl­band „Alles was war“ (Arche) vor­zu­stel­len. Die Bücher­stu­be platz­te aus allen Näh­ten, als Berg­mann mit viel Witz und Offen­heit von sei­ner Kind­heit und Jugend in Frank­furt und Paris berich­te­te. Eine Geschich­te über „Weih­nukka“, einer aus dem Ruder lau­fen­den Weih­nachts­fei­er in einem Frank­fur­ter Kran­ken­haus, wur­de da geschil­dert.
Und auch in die­ser ver­gnüg­li­chen Geschich­te wird das Ver­hält­nis der Juden zum eige­nen Glau­ben the­ma­ti­siert. Das Publi­kum in der Bücher­stu­be lach­te sich schlapp, wäh­rend Berg­mann von skur­ri­len Ver­steck­spie­len christ­li­cher Weih­nachts­de­ko­ra­ti­on und einem in Glau­bens­fra­gen eher lege­ren Rab­bi las.
Auto­bio­gra­fi­sche Über­schnei­dun­gen
Mun­ter und beschwingt wur­de nach der Lesung über auf­tre­ten­de Per­so­nen dis­ku­tiert, und Berg­mann gab bereit­wil­lig Aus­kunft über auto­bio­gra­fi­sche Über­schnei­dun­gen. So erklär­te Berg­mann etwa, dass sei­ne ehe­ma­li­ge Kin­der­frau im Text auf­tau­che: „Wir tref­fen uns heu­te noch regel­mä­ßig zum Kaf­fee­trin­ken“, gab der Schrift­stel­ler zu.
Auch Nach­denk­li­ches kam zur Spra­che: Der Autor berich­te­te, dass er wäh­rend einer Lese­rei­se durch Isra­el als Ver­brei­ter anti­se­mi­ti­scher Res­sen­ti­ments beschimpft wur­de. Das lie­ge wohl dar­an, dass in sei­nen Roma­nen die Juden auch mal als schwa­che Per­so­nen gekenn­zeich­net wer­den, mut­maß­te Berg­mann. Das Kron­ber­ger Publi­kum konn­te die Beschimp­fun­gen eben­falls nicht nach­voll­zie­hen.
„Herr Klee und Herr Feld“, der jüngs­te Band der „Teilacher“-Trilogie, wur­de im Rah­men der rund 60-minü­ti­gen Lesung eben­falls vor­ge­stellt, und die Zuhö­rer­schaft zeig­te sich bes­tens infor­miert über die Roman-Ent­wick­lung. Berg­mann berich­te­te, dass die Bücher bald ver­filmt wer­den, und er der­zeit an den Dreh­bü­chern schrei­be. Die Span­nung und die Vor­freu­de auf das Ergeb­nis waren in der Bücher­stu­be greif­bar.
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